Rezension:

Der kritische Museumsführer.
Neun Historische Museen im Fokus.

Wochenschau Verlag. Schwalbach/Ts. 2013
(271 Seiten / 19,80 €)


Der Autor, emeritierter Professor an der Universität Kiel und Direktor am Institut für Zeit- und Regionalgeschichte in Schleswig, hat im Rahmen seiner „Museumsseminare“ mit Besuchen in verschiedenartigen Historischen Museen mit Studenten umfangreiche Recherchen zur Museumsgestaltung durchgeführt. Das vorliegende Buch ist daraus entstanden.

Der bisher einzigartige Museumsführer dieser Art verfolgt das Ziel, Lehrer und interessierte Museumsbesucher in die Lage zu versetzen, den Museumsmachern mit ihren Konzepten und Arrangements „auf Augenhöhe und nicht nur als passiver Konsument zu begegnen“.

Das Buch gliedert sich in ein theoretisches Kapitel, neun exemplarische Analysekapitel be-deutender Historischer Museen in Deutschland und schließt mit einem Fazit, das Konsequenzen fordert. Zahlreiche Anmerkungen und eine Auswahlbibliographie ermöglichen eine Vertiefung.

Im theoretischen Eröffnungskapitel entwickelt der Autor auf dem Hintergrund der Arbeiten Jörn Rüsens die drei Dimensionen eines Historischen Museums: Ästhetik, Politik und Wissenschaft.

Pohl vertritt die Grundthese, dass die Grundlage aller Arbeit im Historischen Museum die Geschichtswissenschaft sein müsse. Als Aufgaben betont er, dass Historische Museen der historischen Orientierung, der Präsentation der kollektiven Erinnerung dienen und das kulturelle Selbstverständnis der Gesellschaft beeinflussen sollten. Damit würden sie „zur Diskussion, zur Identifikation oder auch zur kritischen Distanzierung“ beitragen. Dazu sei es aber wichtig, eine vierte didaktische Dimension, die der Vermittlung, hinzuzufügen.

Das moderne Historische Museum würde so ein „Werkzeug im Dienste der notwendigen sozi-alen Aufgabe von Reduktion gesellschaftlicher Komplexität, [...] eine Schnittstelle von Indivi-duum und gesellschaftlichen Teilsystemen.“ Es sollte „möglichst viele Besucher auf dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrung für das behandelte Thema [...] erreichen“, z.B. über die Ebene des Alltäglichen und Bereitstellung verschiedener Identitätsangebote.

Als Kriterien für gute Historische Museen arbeitet Pohl heraus, dass sie eine Fragestellung deutlichen machen, den Gegenwarts- und Besucherbezug ermöglichen, Multiperspektivität, Kontroversität und ein offenes Geschichtsbild bieten sollten. Daneben sollten sie das Überwältigungsverbot und die Individualisierung (Personifizierung) als Darstellungsprinzip berücksichtigen.

Im praktischen Teil werden neun verschiedene Museen sehr ausführlich in ihrem Konzept nach den theoretisch entwickelten Kriterien exemplarisch vorgestellt. Sie decken im Wesentlichen die Typologie Historischer Museen ab. Der Bogen spannt sich von nationalgeschichtlichen (DHM Berlin und Haus der Geschichte in Bonn) über gesellschaftsgeschichtliche (Jüdisches Museum Berlin), landes- und stadtgeschichtliche Beispiele ( Haus der Geschichte in Baden-Württemberg und Stadtmuseum Dresden) über wirtschafts- und sozialgeschichtliche Beispiele (z.B. Industriemuseum Oberhausen, Museum der Arbeit Hamburg) bis hin zu virtuellen Beispielen („Vimu“:Virtuelles Museum zur deutsch-dänischen Geschichte Schleswig-Holsteins und „LeMO“: Lebendiges Museum Online, erarbeitet vom DHM und dem Fraunhofer Institut).

Der Rezensent hat die Brauchbarkeit des kritischen Konzepts sowie eines praktischen Kapitels am Museum der Arbeit in Hamburg ‚getestet’. Die Lektüre des praktischen Kapitels zu diesem Museum schärft den Blick für Stärken und Probleme dieses Museums, helfen genauer hinzuschauen und mehr zu entdecken, weil der Autor Fragestellungen und Kriterien aus dem theoretischen Teil sachgerecht und nachvollziehbar auf das Beispiel anwendet. So wird der Betrachter in einen Dialog mit den Museumsmachern einbezogen.

Das Fazit fasst die theoretischen Überlegungen aus dem ersten Kapitel zusammen und betont noch einmal die Funktion des „höchst komplexen Mediums“: zur historischen Selbstverge-wisserung beizutragen, Ansprechpartner der Besucher zu sein und die Vergangenheit didak-tisch zu reduzieren. Im Fazit warnt der Autor vor der Gefahr der Verführung und Beeinflussung , wenn das Museum einen „eindimensionalen Narrativ“ durchsetzt, nicht verschiedene Perspektiven auf die Vergangenheit anbietet und nicht zur Reflexion anregt. Der Besucher sollte die Möglichkeit eigener Bezugnahme durch Personifizierung und Alltagsgeschichte erhalten.

Wünschenswert wäre für die praktischen Kapitel jeweils eine kurze Übersicht über die Abtei-lungen des jeweiligen Museums und Seitenhinweise, worauf der Autor in seinem Kapitel ein-geht. Das würde den Leser genauer orientieren und zu mehr eigenen Beobachtungen anregen. Dieses für Lehrer und interessierte Museumsbesucher gedachte und geeignete Buch könnte so auch für Schüler besser benutzbar sein und könnte Lehrern ermöglichen, Schüler zu einem projektorientierten Museumsbesuch mit Hilfe des Museumsführers in einem dieser Museen aber auch in einem anderen Museum ihres jeweiligen Wohnortes durch Anwendung der anzuleiten.

Die Schüler könnten dort selbstständig eine eigene Erkundung mit eigener ‚Erkundungsfrage’, entwickelt aus ihrem Unterricht, durchführen und in Bild und Text zu einem Produkt zusammenfassen und später in der Schule präsentieren. Das würde ihre in Museen oft zu beobachtende passive Rolle eher in motiviertes und handlungsorientiertes Verhalten verändern, ihre Handlungskompetenzen erweitern und ihr historisches Bewusstsein schärfen. Eine beispielhafte interaktive methodische Anleitung am Ende des Buches würde den Gebrauchswert des Museumsführers noch erhöhen und die beabsichtigte kritische Dimension der Museumsbetrachtung auch für Schüler stärker zur Geltung bringen.

Die Auswahlbibliographie könnte in diesem Sinn noch durch die geschichtsdidaktischen Arbeiten von Klaus Bergmann und Bernd Hey („Die historische Exkursion“) ergänzt werden.

Insgesamt ist dieses ungewöhnliche Buch, vom Autor als „Rüstzeug“ für jedes andere Historische Museum außer den dargestellten verstanden, eine sehr gute Vor- und Nachbereitung von Museumsbesuchen und damit ein unentbehrliches Hilfsmittel für Lehrer, aber auch für Schüler.


Wolfgang Emer, Verein für Projektdidakitk