Rezension:

„Projekte begleiten
(Praxishilfen und Handbuch aus der Schweiz)

Lipp, E./ Müller, H./ Widmer, P. u.a.

Scheizer
Schulbuchverlag plus AG“
(ISBN: 978-3-292-00654-7)Zürich  2011


Im Folgenden möchte der Verein für Projektdidaktik auf eine sehr interessante und hilfreiche Neuerscheinung aus der Schweiz zur Praxis der Projektarbeit für die Sekundarstufe I mit einer freundlich-kritischen Rezension aufmerksam machen: Das „Zentrum Impulse für Projektunterricht und Projektmanagement (ZIPP) an der PHZ Luzern hat 2011 eine wichtige Praxishilfe für die Projektarbeit herausgegeben.

Unter der Autorschaft von Erich Lipp, Hans Müller, Peter Widmer, Christian Graf, Charly von Graffenried ist ein dreiteiliges Werk zur Projektbegleitung für die Sekundarstufe I im Schweizer „Schulbuchverlag plus AG“ (ISBN: 978-3-292-00654-7) unter dem Titel  „Projekte begleiten. Handbuch. Gruppenprojekte und individuelles Arbeiten auf der Sekundarstufe „  erschienen: 

  • „Handbuch für Lehrpersonen“ von 96 Seiten,
  • „Praxishilfe“ von 270 Seiten in Ringbindung mit Kopiervorlagen, einer CD mit Werkzeugen und eine DVD mit Porträts von einzelnen Projekten,
  • Leitfaden für Schülerinnen und Schüler“ von 36 Seiten, der Werkzeuge und Aufträge zur Projektarbeit enthält.

Im Lehrerhandbuch werden den Nutzern neben „Pädagogischen Leitgedanken“ in zwei weiteren Kapiteln Anleitungen gegeben zu „Gruppenprojekte begleiten“ und „Individuelle Arbeiten begleiten“.

Die pädagogischen Leitgedanken sind knapp gehalten, bauen auf der neurobiologischen Erkenntnis auf, dass jeder Mensch sich im Laufe seiner Entwicklung seine eigene Welt konstruiert, Lernen also individuell geprägt ist. Deshalb kommt dem selbstständigen Lernen eine wichtige Rolle zu, die gerade in der Projektarbeit gefördert werden kann und wird.

Bei den Merkmalen von Projekten stützen sich die Autoren auf eine knappe Definition aus der Hamburger Projektarbeit nach G. Jürs von 1986 (im Text fälschlich Jührs), dem damaligen Projektkoordinator in Hamburg – einem der wenigen Koordinatoren in Deutschland damals. Daraus werden 6 Merkmale abgeleitet, die an sich plausibel, in ihrer Reihenfolge nicht ganz stimmig und griffig sind.

Das Oberstufen-Kolleg Bielefeld und der Verein für Projektdidaktik (www.projektdidaktik.de)  entwickelten 7 Merkmale, die gliedern und unterscheiden  zwischen „Ausgangspunkte“, „Arbeitsformen“ und „Zielhorizonten“ [ Vgl. dazu : W. Emer/ F. Rengstorf: Projektunterricht. Eine Materialsammlung aus dem Oberstufen-Kolleg Biele-feld. Bielefeld 2006; W. Emer/ K.D. Lenzen Projektunterricht gestalten – Schule verändern, Baltmannsweiler 3. A. 2009, bes. S. 116ff.].

Sehr hilfreich sind die an dem Kompetenzmodell orientierten Lernziele der Projektarbeit, die nach Sach- (fachlich), Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz (überfachlich) unterschieden werden. Davon abgetrennt ist eine weitere „Methoden des Projektmanagements“. Die Logik dieser Differenzierung scheint nicht einleuchtend, weil der für die Schule eher problema- tische Begriff des Projektmanagements noch  nicht geklärt wird.

Bei dem schwierigen Gebiet der Beurteilung von Projekten wird eine nützliche Differenzierung  von Projektschritten (Idee, Konzept, Antrag, Vorgehen) in drei Quali-tätsstufen unternommen (genügend, gut, sehr gut). Wünschenswert für eine Neuauflage , wäre die Erweiterung in weitere Schritte wie z.B. Produkt und Vermittlung.

Die Erörterung der Schülerselbstbeurteilung, die hier noch nicht vorgesehen ist, wäre aber wichtig, um die Selbstkompetenz zu stärken. Ein Instrument dazu ist am Oberstufen-Kolleg entwickelt worden, der „Reflexionsbogen“ (s. o. Emer / Rengstorf: Projektunterricht, S. 24.)

Etwas mehr Berücksichtigung von Geschichte und Theorie der Projektarbeit hätte den Lehrern mehr theoretische Tiefe und Orientierung für bewussteres Handeln an die Hand gegeben. Hier ist eine Chance nicht entsprechend wahrgenommen worden.

In der „Praxishilfe“ gibt es allerdings bezogen auf die Bewertung von Projekten in GP 36 sehr detaillierte Beurteilungshilfen für die Lehrerperspektive. In GP 38 und 39 werden 3 Kopiervorlagen auch für die Schülerreflexion angeboten zu drei Bereichen: Reflexion des Produkts, des Prozesses und die zusammenfassenden Beurteilung. Auf vorgegebene Fragen können die Schüler in der Antwortrubrik reagieren. Das Verfahren mit seinen vielen - vielleicht zu vielen – sinnvollen Fragen erscheint sehr gelenkt und regt nicht zu eigener freierer Reflexion an, wie es zumindest für die Sekundarstufe II notwendig wäre.

Die Leitgedanken schließen mit einem originellen Fünfphasenschema aus der Sicht des Lehrers (hier in verkürzten Stichworten wiedergegeben): Initiieren, Vereinbarung treffen, Begleiten, Erfahrungsaustausch, Beurteilen und Auswerten. Ihm wäre ergänzend ein Phasenmodell des Projekts gegenüberzustellen (s.o. Emer/ Rengstorf: Projektunterricht, S. 18f. und Emer/Lenzen: Projektunterricht gestalten..,  S. 120-129), das noch weitere Aspekte in den Blick nimmt.

Die „Pädagogischen Leitgedanken“ beschränken sich auf nur wenige Hinweise auf die Projektliteratur und stützen sich im Literaturverzeichnis auf nur wenige der gängigen Standardwerke. So fehlen z.B. Bastian/ Gudjons; Apel/ Knoll; Hänsel; Emer/ Lenzen, um nur einige zu nennen.

Das Handbuch behandelt dann in zwei weiteren Kapiteln, wie man Gruppenprojekte und individuelle Arbeiten begleitet. Diese an dem o.g. Phasenmodell orientierten sehr konkret an der Praxis des Lehrerhandelns orientierten detaillierten Hinweise und Reflexionen sind für die konkrete Projektarbeit sehr nützlich.

Die umfängliche „Praxishilfe“ soll hier nicht weiter besprochen werden. Sie enthält viele hilfreiche und durchdachte Kopiervorlagen, „Werkzeuge“, Anregungen, Projektvorschläge und –übungen. In ihrer Fülle können sie etwas verwirrend wirken, aber als Fundgrube für die Praxis sind sie für Lehrer wertvoll.

Im Ganzen betrachtet ist hier etwas Neues und wirklich Verdienstvolles entstanden: Ein für die einzelnen Schritte, Werkzeuge und Etüden der Projektarbeit ausführliches Kompendium, das in der Praxis individueller und gruppenbezogener Projekte gute Verwendung finden kann und auf „denkender Erfahrung“ (Dewey) beruht.

Wolfgang Emer, Verein für Projektdidakitk


  • Tip: Wer das Gesamtwerk erwerben will, sollte das über seine Buchandlung erledigen lassen, weil es wegen der Einfuhrbestimmungen sonst etwas aufwändiger und teurer ist.