Zwangsabeit in Bielefeld

Dr. Uwe Horst, Oberstufenkolleg Bielefeld


Das hier vorgestellte regional- bzw., lokalgeschichtliche Projekt steht in einem theoretischen Kontext, der für das Verständnis des folgenden Berichts  kurz angerissen werden soll:






1. Im Laufe der Jahre haben sich am Oberstufen-Kolleg in einem wechselseitigen Prozess zwischen eigener Erfahrung und Rezeption der einschlägigen Literatur eine Reihe von Kriterien für die Projektarbeit herausgeschält, die auch in diesem Fall gelten. lm Zentrum steht dabei ein didaktisches Arrangement,. dass jungen Erwachsenen eigenständige und selbstbestimmte Lernformen an für sie und die Gesellschaft relevanten Fragen ermöglicht. Ziel ist die Herstellung eines Produkts, das über den eigenen Lernfortschritt hinaus die Chance der öffentlichen Einmischung bietet und damit auch nützlich sein kann für andere.

2. Darüber hinaus verweist die Didaktik der Regionalgeschichte darauf, dass für die Realisierung eines solchen Arrangements historische Untersuchungen innerhalb eines begrenzten und überschaubaren Raums günstige Bedingungen bieten: So stellt der „kleine Raum“ überschaubare, anschauliche und relativ leicht erreichbare Forschungsobjekte zur Verfügung, die zudem im lebensweltlichen Zusammenhang der SchülerInnen stehen und damit Gestaltungsmöglichkeiten offerieren.

3. Schließlich sei noch auf einen dritten theoretischen Aspekt verwiesen, der auf die Überlegungen M. Broszats im Zusammenhang mit dem Begriff der Resistenz im regionalgeschichtlichen Projekt „Bayern in der NS-Zeit“ zurückgeht: Der Blick auf die lokale Ebene erlaubt neben der konkreten Darstellung von Alltagswelten auch eine Untersuchung darüber, in welchem Maße die NS-Herrschaft ideologisch und praktisch akzeptiert und umgesetzt wurde und welche Handlungsspielräume lokale Entscheidungsträger besaßen bzw. nutzten. Eine solche Fragestellung gestattet damit auch Antworten zu Verantwortlichkeit einzelner Personen, von Verwaltungsstellen und Betrieben.

Aktueller Ausgangspunkt für das Projekt war die Diskussion um die Entschädigung der Zwangsarbeiter bis zum Frühsommer 2001. Dieses „relevante gesellschaftliche Problem“ führte zu der Idee, eine Ausstellung über Zwangsarbeit im Bielefelder Raum zu erstellen, um zum einen die historische Situation im lokalen Kontext konkret darzustellen und zum anderen herauszufinden, welche damaligen Betriebe noch existierten und ob sie der Stiftungsinitiative beigetreten waren.

Von diesen theoretischen und aktuellen Überlegungen ausgehend sichtete eine kleine Vorbereitungsgruppe bereits vorhandene Untersuchungen zum lokalen Rahmen, führte ein Gespräch mit dem Stadtarchiv Bielefeld über lohnenswerte (weil mit den existierenden Materialien realisierbare) Fragestellungen und überlegte, was Besucher einer möglichen Ausstellung interessieren könnte. Eine solche Vorklärung des vorhandenen Materials mit professioneller Hilfe des Archivs ist allein schon aus Zeit- und „Frustrationsgründen“ unerlässlich und ist einer eigenen Suche in den Findbüchern weitaus vorzuziehen. Am ersten Tag des Projektes stellte diese Gruppe dann den 18 TeilnehmerInnen, die dieses Projekt aus einer Vielzahl von Angeboten ausgewählt hatten, ein vorläufiges Programm vor.

Es enthielt eine Dreiteilung in Informationsphase, Recherche im Archiv und Produkterstellung (Ausstellung), die allen als grobe Planung sachangemessen erschien.

1. Informationsphase: Zur ersten Information las die Gruppe einen Aufsatzes zum allgemeinen Überblick und einen zweiten zur Bielefelder Situation. Beide Aufsätze wurden nach inhaltlichen Gesichtspunkten aufgeteilt und von den insgesamt sechs Kleingruppen am zweiten Tag mit Hilfe von Wandzeitungen im Plenum vorgestellt. Eine knappe Einführung in die wichtigste Methode der künftigen Arbeit, der Umgang mit Quellen, schloss sich an. Vor diesem Hintergrund stellte die Vorbereitungsgruppe dann die im Archiv abgesprochenen Themen vor, für die sich kleinere Gruppen entscheiden mussten. Dieser Moment ist für die weitere Arbeit im Projekt von großer Bedeutung, denn die SchülerInnen legen hier ihre eigenen Arbeitsschwerpunkte fest. Sie treffen dabei eine Entscheidung, die nach einer Einarbeitungszeit im Archiv durchaus revidiert werden kann, da sich erfahrungsgemäß Machbarkeit, Ergiebigkeit und persönliche „Passung“ bestimmter Themen nicht präzise voraussagen lassen.

2. Recherche im Archiv: Nach einer Einführung in die Archivstruktur und -aufgabe begannen die verschiedenen Gruppen eine erste Sichtung des für sie bereitgestellten Quellenmaterial. Während dieser Phase bestand die wichtigste Aufgabe des betreuenden Lehrers darin, eine Feinabstimmung oder auch Veränderung der einzelnen Themenbereiche aus den eben genannten Gründen vorzunehmen. Dazu war es auch immer wieder notwendig weitere Sekundärliteratur heranzuziehen. Als Ergebnis dieses Prozesses standen dann folgende Themen fest, die auch als einzelne Ausstellungsabteilungen konzipiert wurden:

  1. Karte der Zwangsarbeiterlager im Raum Bielefeld

  2. Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter

  3. Das Waldlager Künsebeck (Familienlager der Firma Dürkopp)

  4. Zwangsprostitution und Bordelle

  5. Luftschutz - für Zwangsarbeiter?

  6. Fallbeispiel Firma Arntzen

  7. Der Kühlwein-Nachlass (NS-Ideologie und ihre Kontinuität nach 1945)

  8. Die aktuelle Diskussion (Stiftungsinitiative und lokale Reaktionen).

Die eigentliche Archivarbeit fand vor allem in der zweiten Woche des Projekts statt. Da dies im wesentlich individuelle Arbeit war und zudem neben dem Bielefelder Stadtarchiv für einzelne Gruppen noch das Staatsarchiv Detmold (Thema 4) und das Stadtarchiv Halle (Thema 3) benutzt wurden, war als gemeinsamer Rahmen eine klare Aufgabenstellung unerlässlich. Denn je freier die Arbeitsformen sind, desto präziser müssen die Absprachen und Rahmenbedingungen sein. So sollten alle Gruppen folgende Fragen bearbeiten und schriftlich fixieren:

  • genaues Thema/Spezifizierung der Gruppe

  • Materiallage (Funde und Lücken) und notwendige Kopien - Warum wichtig und interessant für die Ausstellung?

  • Ziel/angestrebtes Ergebnis

  • Offene Fragen/Probleme.

Im Laufe dieser Archivwoche machte wohl jede Gruppe typische Erfahrungen dieses Arbeitsplatzes (zwischen Glücksmomenten großer Funde und den frustrierenden Mühen der Quellen-„Ebene“); zunehmend konzentrierte sich die Arbeit auf die Frage, welche Quellen (aus der vorhandenen Fülle) in der Ausstellung gezeigt werden sollten. Als Problem stellte sich hierbei das Kopieren heraus, denn meist ist dies bei den empfindlichen Quellenbeständen nur sehr beschränkt möglich. Dann gibt es nur eines: Abschreiben - und das fördert durchaus die Auswahlentscheidungen. Allerdings unterscheiden sich die Archive in der Frage des Kopierens und es ist zweckmäßig, dies von vornherein zu klären. In jedem Falle sollte strikt darauf geachtet werden, dass jedes Blatt die entsprechenden Quellenangaben enthält. Neben der Archivarbeit lief eine weitere Arbeitsgruppe (Thema 8), die sich im Rahmen der aktuellen Diskussion um die Entschädigung über Gewerkschaftskontakte um Interviews in einzelnen Firmen und mit der IHK bemühte.

3. Produkterstellung: In der dritten Woche konzentrierte sich die Projektgruppe auf die Anfertigung der Ausstellung; diese zeitliche Gewichtung sollte sicherstellen, dass ein „vorzeigbares“ Produkt entstehen konnte. Dazu war zunächst eine einheitliche Konzeption abzustimmen: Jede Themengruppe sollte eine Überschrift und ein möglichst aussagekräftiges Zitat finden und einen knappen Überblickstext verfassen. Anschließend wurden die Text- und Bilddokumente aus der größeren Anzahl von Kopien ausgewählt. Beim nächsten Schritt ging es um das Layout. Dabei war immer wieder daran zu erinnern., dass eine Ausstellung besonderen Gestaltungsprinzipien folgt, d.h. die Texte mussten knapp und leicht lesbar sein, die Dokumentenauswahl durfte nicht zu textlastig sein, sondern auch Bilder und Grafiken zeigen und schließlich sollte die äußere Gestaltung einheitlich und ästhetisch ansprechend sein: Angesichts der medialen Perfektion unserer Zeit und entsprechender Sehgewohnheiten sollte auch die „Verpackung“ stimmen und zur Betrachtung der Ausstellung einladen: Die ca. 120 x 95 cm großen Tafeln wurden übersichtlich gestaltet, d.h. nicht zu dicht gefüllt; die Dokumente erhaben (auf Cappa-Platten mit Sprühkleber fixiert, mit Cutter und Eisenlineal exakt geschnitten) aufgebracht, die Überschriften, erläuternden Texte und Quellennachweise direkt mit Fixo-Gum (erlaubt Klebespuren nachträglich zu beseitigen!) aufgeklebt.

Die fertige Ausstellung besteht aus insgesamt 16 Tafeln und einem einleitenden Text mit Hinweisen auf die Fragen und Zielsetzungen. Inzwischen ist die Ausstellung mit vielfältiger Resonanz an mehreren Orten, u.a. im Bielefelder Stadtarchiv, gezeigt worden, es gab Zeitungsberichte und es existiert eine digitale Version auf CD-Rom, die beim Verfasser erhältlich ist.

Die Arbeit an dieser Ausstellung bedeutete für alle TeilnehmerInnen drei sehr intensive Wochen, in denen das Projektkonzept einer harten Bewährungsprobe ausgesetzt war. Dass sie - bei allen zeitweiligen und individuellen Krisen! - letztlich zu einem guten Ende gelangte, ist sicherlich auf mehrere Gründe zurückzuführen: Es war ein Thema eigener Wahl, das von allen Beteiligten als bedeutsam und relevant eingeschätzt wurde, und die handlungsorientierte Arbeitsweise erforderte eigene Aktivität und Selbständigkeit. Dies waren günstige Voraussetzungen für Motivation und Eigenverantwortlichkeit.