Pädagogische Herausforderungen am Beruflichen Gymnasium des BBZ Schleswig [1]:
Entwicklung einer Projektkultur

Thomas Hill   


Neuer Stellenwert der Projekt-Idee

Die umfassende Schulreform der Großen Koalition und das neue Schulgesetz aus dem Jahre 2007 haben in Schleswig-Holstein zu zahlreichen Veränderungen in der Bildungslandschaft geführt. Hinsichtlich der gymnasialen Oberstufe wird in der Öffentlichkeit vor allem auf die Profiloberstufe verwiesen, die zum Schuljahr 2008/09 eingeführt worden ist. Eine große Herausforderung für die Beruflichen Gymnasien stellt aber auch die Vorgabe dar, in jeder Jahrgangsstufe ein fächerübergreifendes Projekt durchzuführen, deren Ergebnisse die Klausuren dreier an dem Projekt beteiligten Fächer ersetzen sollen.

Bisher gab es nur im 12. Jahrgang innerhalb der beiden Leitungskurse ein Fachprojekt, das jeweils eine Klausur ersetzte. Nun also gleich dreimal die Pflicht zum fächerübergreifenden Projektlernen, dessen Stellenwert zudem noch dadurch aufgewertet worden ist, dass jetzt insgesamt neun Klausuren während der Oberstufe durch Projektarbeiten ersetzt werden, während es bislang lediglich zwei Klausuren waren.

Am Beruflichen Gymnasium (BG) des BBZ Schleswig haben die 11. Klassen zum ersten Mal im Oktober 2008 eine Projektwoche durchgeführt, an deren Projekten jeweils drei Fächer beteiligt waren.


Schritte zur Entwicklung einer Projektkultur

Der neue Status des Projekt erfordert eine erhöhte Akzeptanz und Kenntnis dieser Unterrichtsform unter den Lehrerinnen und Lehrern, denn über kurz oder lang werden alle Kolleginnen und Kollegen, die am Beruflichen Gymnasium unterrichten, Projekte anbieten (müssen). Die Schülerinnen und Schüler müssen gleichfalls in weitaus höherem Maße als bisher mit Möglichkeiten und Problemen des Projektlernens vertraut sein. Die Schule schließlich muss sich organisatorisch und hinsichtlich der Sachausstattung auf neue Anforderungen einstellen, so zeigten sich bei der Projektwoche im Herbst 2008 Probleme, an den Projekten beteiligte Lehrkräfte für diese Projekte bzw. deren Präsentation freizustellen oder in genügender Anzahl für die Schülerinnen und Schüler Laptops zur Verfügung zu halten.

Letztlich geht es darum, am Beruflichen Gymnasium eine Projektkultur zu entwickeln und damit gute Voraussetzungen und günstige Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Durchführung von Projekten zu schaffen. Dazu gehört auch eine institutionelle Verankerung der Projektarbeit, die am Beruflichen Gymnasium in Schleswig auf zwei Ebenen erfolgt ist: Eine Fachgruppe Projekt, in der fünf Kolleginnen und Kollegen, Bettina Brandes, Margarethe Clemenz, Thomas Hill, Carsten Pieper und Irmhild Schattke, mitarbeiten, bereitet die Projekte bzw. Projektwochen der drei Jahrgänge vor und erarbeitet auf der Grundlage der dabei gemachten Erfahrungen ein langfristiges Konzept für die Projektarbeit am BG.

Unterstützt wird die Fachgruppe vom sog. Inno(vations)-Team, an dem alle Lehrkräfte des Beruflichen Gymnasium mitarbeiten können und das sich als Gremium zur Weiterentwicklung des Schleswiger BGs versteht und sich daher auch darum kümmert, die neuen Anforderungen der Profiloberstufe in Schleswig umzusetzen. Des Weiteren sind die beiden Schulentwicklungstage im Januar 2008 und März 2009 sowie ein abteilungsinterner Schulentwicklungstag im Juni 2009 zur Weiterentwicklung der Projektarbeit und vor allem zu Fortbildungen zum Projektunterricht genutzt worden.

Ging es dabei Anfang 2008 noch grundsätzlich um die Möglichkeiten fächerübergreifender Projekte, so wurde im Frühjahr 2009 nach den Erfahrungen der Projektwoche im Herbst 2008 auf Wunsch der beteiligten Lehrkräfte eine Fortbildung zur Bewertung von Projekten angeboten. Die Referenten Wolfgang Emer und Felix Rengstorf kamen vom Oberstufenkolleg Bielefeld, das 1974 durch Hartmut von Hentig gegründet wurde und seitdem ein Vorreiter der Projekt-Idee in Deutschland ist.  
  

Entwicklung eines Gesamtkonzepts für die Projektarbeit

Bei der Betreuung der Projektarbeit am BG ist zunächst auf die Entwicklung eines umfassenden Entwurfs zum Projektlernen verzichtet worden. Vielmehr wird das Konzept etappenweise erarbeitet, indem erste Überlegungen im 11. Jahrgang ausprobiert wurden, die in der Praxis erworbenen Erfahrungen ausgewertet worden sind und auf der Grundlage dieser Erkenntnisse die ursprünglichen Ideen modifiziert und ergänzt werden. Die Tauglichkeit des revidierten Ansatzes wird dann wieder anhand der durchgeführten Projekte überprüft und gegebenenfalls überarbeitet usw.

Wir hoffen, in zwei Jahren, bis 2011, wenn in allen drei Jahrgangsstufen des Beruflichen Gymnasium Projekte stattgefunden haben, mittels dieses Prozesses, der untergliedert ist in eine Abfolge der Schritte Planung, Praxis, Evaluation und Reflexion der Praxis und dann erneute Planung, Praxis usw., ein in sich stimmiges und auch praktisch umsetzbares Gesamtkonzept für die Projektarbeit am Beruflichen Gymnasium vorlegen zu können.

Zur Zeit streben wir an, das Projektlernen vom 11. bis zu 13. Jahrgang progressiv zu gestalten, d.h., die Schülerinnen und Schüler zunächst mit der Projektmethode vertraut zu machen und dann zu immer größerer Selbstständigkeit zu führen. Zudem sollen mittels unterschiedlicher thematischer Ausrichtung in den drei Klassenstufen unterschiedliche Kompetenzen schwerpunktmäßig gefördert werden:


 

11. Jg.

12. Jg.

13. Jg.

Intention

„Wir arbeiten im Team und lernen methodisch.“

Fachprojekte mit beruflichem Bezug

„Wir gestalten unsere Zukunft und übernehmen Selbstverantwortung!“

Schwerpunkt-kompetenzen

Methoden- und Sozialkompetenz

Sachkompetenz

Selbstkompetenz

zur Durchführung

Projektwoche vor den Herbstferien mit einem festen Ablaufplan

nach einer internen Präsentation eine öffentliche am Tag der Beruflichen Bildung

Schülerprojekt mit
den Lehrkräften als Coaches zwischen schriftlichem und mündlichem Abitur



Insgesamt sind wir optimistisch, dass es uns in den nächsten Jahren gelingen wird, am BG eine entwickelte Projektkultur am BG zu entfalten und dem Projektlernen so einen angemessenen Platz im Bildungsangebot des Beruflichen Gymnasiums zu sichern.


[1] Das BBZ Schleswig ist ein Regionales Berufsbildungszentrum, das aus den Beruflichen Schulen des Kreises Schleswig-Flensburg hervorgegangen ist und zu dessen Angebot neben dem Berufsschulunterricht und berufsvorbereitende Maßnahmen auch allgemeinbildender Unterricht, u.a. am Beruflichen Gymnasium (Sek. II), gehört; siehe dazu www.bbzsl.de.