Kleine Fachtagung am Oberstufen-Kolleg:

„Projekte als zentrale Lerngelegenheit - oder:
Wie kann man eine Projektkultur entwickeln?“


Im Januar 2010 fand im Oberstufen-Kolleg eine kleine Fachtagung zum Thema „Projekte als zentrale Lerngelegenheit - oder: Wie kann man eine Projektkultur entwickeln?“ statt, auf der die Forschungsgruppe mit Schulen und ProjektexpertInnen von außerhalb Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Projektunterrichts und der Entwicklung von Projektultur in der gymnasialen Oberstufe diskutierte.

Projektunterricht wird im Oberstufen-Kolleg seit jeher groß geschrieben - in der Versuchsschule werden während der Kernunterrichtszeiten regelmäßig Projektwochen durchgeführt, die Lehrende wie KollegiatInnen oft als „schönste Zeit des Jahres“ wahrnehmen; Projekte werden in die Benotung mit einbezogen und die erfolgreiche Durchführung zweier Projekte ist Pflicht für die Zulassung zum Abitur. Das Oberstufen-Kolleg kann demnach auf vielfältige Projekterfahrungen zurückgreifen.

Doch wie steht es in den Regelschulen um den Projektunterricht? Findet man dort – trotz Strukturreformen und Zentralabitur – eine entwickelte Projektkultur, oder führt Projektunterricht ein ‚Mauerblümchendasein‘ am Rande des ‚Regelunterrichts’? Und welche Schulstrukturen sind nötig, um erfolgreich in Projekten unterrichten zu können?

Diesen Fragen ist die Forschungsgruppe „Projektarbeit und Projektkultur“ des OS im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsplans in einem mehrjährigen, qualitativen Forschungsprojekt seit 2006 nachgegangen. Im Januar 2010 präsentierte sie auf einer kleinen Fachtagung ihre Ergebnisse.

 

An der Tagung nahmen LehrerInnen, Schulentwicklungs- und ProjektexpertInnen sowie Mitglieder des Vereins für Projektdidaktik teil. Die VertreterInnen einiger Schulen (Berufsbildungszentrum Schleswig, Max Brauer-Schule Hamburg, Ganztagsgymnasium Klosterschule Hamburg, Evangelisches Gymnasium Dassel) nahmen dabei weite Wege trotz heftigen Schneetreibens auf sich, um sich über Gelingensbedingungen von Projektunterricht und Möglichkeiten der Schulentwicklung in diesem Bereich zu informieren. Als Schulentwicklungs- und Projektexperten kamen z.B. Wolfgang Steiner und Sonja Baukloh-Herzig vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, Prof. Frank Tosch (Universität Potsdam) und Rüdiger Semmerling (einflussreicher Projektdidaktiker).

Von den untersuchten Schulen erschien leider lediglich aus dem Thomas-Morus-Gymnasium in Oelde eine Lehrerin, um die Forschungsergebnisse mit uns zu diskutieren und nach Entwicklungsmöglichkeiten für ihre Schule zu suchen. Das geringe Interesse der Schulen lag wohl einerseits am zeitlich etwas ungünstigen Termin am Tag der Zeugnisverleihung und andererseits an der Tatsache, dass Projektunterricht nicht an allen Schulen die zentrale Stellung einnimmt, die ihm in der Fachliteratur zugesprochen wird, da andere Themen dringender erscheinen. Letztendlich fanden sich 27 motivierte TeilnehmerInnen ein, die aktiv zum Gelingen der Tagung beitrugen.

Der Tagungsablauf

Die Tagung fand direkt im Anschluss an den Produkttag des Oberstufen-Kollegs statt, an dem die Ergebnisse der zweiwöchigen Projektphase von den KollegiatInnen präsentiert wurden. Auf diese Weise hatte die TeilnehmerInnen die Möglichkeit, einen Einblick in die Projektkultur des Oberstufen-Kollegs zu erhalten – ein Angebot, das von vielen begeistert genutzt wurde.

Nach Begrüßungsworten vom Kollegleiter Dr. Hans Kroeger und vom Vorsitzenden des Vereins für Projektdidaktik Dr. Uwe Horst erläuterte Projektleiter Felix Rengstorf die Hintergründe und das methodische Vorgehen der durchgeführten Interviewstudie. Es wurden sechs Schulen im Raum Ostwestfalen-Lippe mithilfe von Leitfadeninterviews bzgl. Ihrer Projektkultur untersucht. Ziel war es, eine dichte Beschreibung in Form von Schulportraits zu erstellen, um den Stand von Projektkultur und Gelingensbedingungen für erfolgreiche Projektarbeit herauszuarbeiten und den Schulen ihren jeweiligen Entwicklungsstand gekoppelt mit Anregungen für eine Weiterentwicklung zurückzumelden.

Die Ergebnisse wurden in drei Workshops unter der Leitung von Mitgliedern der Forschungsgruppe diskutiert. Dabei standen sowohl die Wahrnehmung der Forschungsergebnisse als auch persönlich erlebte Schwierigkeiten und Möglichkeiten bei der konkreten Umsetzung von Projektunterricht im Schulalltag im Fokus der Diskussion.

Ergebnisse der Workshops

In den Workshops zeigte sich, dass Gespräche über Projektunterricht wohl meistens genauso lebhaft verlaufen, wie es auch bei Projekten selbst der Fall ist. Dementsprechend vielfältige Ergebnisse wurden am Ende der Tagung präsentiert.

Als gemeinsamer ‚Feind‘ des Projektunterrichts kristallisierte sich das Zentralabitur heraus. Durch dessen Einführung haben viele LehrerInnen den Eindruck, es fehle ihnen an Zeit für die Durchführung von Projekten. Es wurde aber auch überlegt, in wie weit das Zentralabitur als Ausrede dient, um keine  Projekte durchführen zu müssen. Denn Projektunterricht ist oft mit Ängsten wie dem Scheitern eines Unterrichtsversuchs, Schwierigkeiten von Seiten der Eltern oder Druck von KollegInnen verbunden. Alle TeilnehmerInnen waren sich einig, dass Projektunterricht – auch und gerade – im Hinblick auf die Schulverkürzung und die Zentralisierung von Prüfungen den SchülerInnen wichtige Lernmöglichkeiten bietet, die sie im Frontalunterricht nicht haben. Hierzu gehören die Entwicklung von Eigenständigkeit, Selbstwirksamkeitsüberzeugung und Problemlösekompetenz, die Übernahme von Verantwortung und vieles mehr. Auch die fachlichen Inhalte können in anderer Weise intensiv erarbeitet werden. Insofern wurde eine Einbindung von regelmäßigen Projekten in das G8-System als dringend notwendig angesehen. Ein positives Beispiel lieferte hier bspw. das Ganztagsgymnasium Klosterschule in Hamburg, das ein spiralförmiges Projektcurriculum erfolgreich in ihr Schulprogramm integriert hat.

Im Gespräch wurde deutlich, dass der in der Forschungsgruppe ausgearbeitete Begriff der Projektkultur als hilfreich wahrgenommen wird, aber mit Bedacht eingesetzt werden sollte.  Ein Teilnehmer aus dem Evangelischen Gymnasium Dassel fasst dies wie folgt zusammen: „Da Projektarbeit häufig eine Randstellung in den Schulen hat, ist dieser Begriff sehr hilfreich, da er mehr umfasst als `nur´ eine Projektwoche oder ein kurzfristiges, eher spontanes Projekt. Inwiefern dieser Begriff tragfähig sein wird, hängt aber entscheidend davon ab, wie er im Schullalltag verankert sein wird.“ Denn sowohl während der Forschungsarbeit als auch in den persönlichen Erfahrungen der TagungsteilnehmerInnen hat sich herausgestellt, dass Projektunterricht in förderliche Rahmenbedingungen eingebettet werden und nicht nur eine Randerscheinung sein sollte. So erleichtert etwa ein personeller Rückhalt im Kollegium (ein Jahrgangsteam, das Projekte plant / feste AnsprechpartnerInnen bei Fragen und Problemen) die Durchführung von Projekten. Wolfgang Steiner und Sonja Baukloh-Herzig stellten fest: „Den Begriff `Projektkultur´ würden wir erst dann verwenden, wenn die Entwicklung des didaktischen Bewusstseins und der entgegenkommenden schulinternen Institutionen in einer einzelnen Schule eine gewisse `Selbstverständlichkeit´ erreicht haben.“ 

Insgesamt war man sich einig, dass es EinzelkämpferInnen schwer haben, Projekte erfolgreich in den Unterricht zu integrieren, dass durch eine gemeinsame Initiative des Kollegiums Projektunterricht aber zu einem Motor der Schulentwicklung werden kann, der ungeahntes Potential auf Seiten von LehrerInnen und SchülerInnen freisetzen und die gesamte Schulkultur beleben kann. Die Abschlussdiskussion endete mit dem Aufruf, die BefürworterInnen des Projektunterrichts müssten aus der Defensive kommen. Anstatt sich für die Durchführung von Projekten rechtfertigen zu müssen, wäre es an der Zeit, nach der (ausschließlichen) Berechtigung des Lehrgangsunterrichts zu fragen und die Werte des Projektunterrichts herauszustellen.

Fazit

Einige Wochen später blicken wir nun auf eine Tagung zurück, die trotz der weitgehenden Abwesenheit der untersuchten Schulen konstruktiv verlief. Es ergaben sich gute Austauschmöglichkeiten und es wurden Kontakte für eine weitere Zusammenarbeit geknüpft. Wir erhielten wertvolle Impulse für die Weiterarbeit, für die wir uns an dieser Stelle noch einmal bedanken wollen. Im Folgenden sind einige Ausschnitte der Rückmeldungen von TeilnemerInnen aufgeführt:

  • „Wir Schleswiger waren uns alle einig, dass das Treffen für uns sehr ergiebig war, wir haben einige Anregungen bekommen, z.B. eine öffentliche Präsentation der Projekte durchzusetzen, auf die wir bisher aus praktisch-organisatorischen Gründen verzichtet haben, oder ein Projektbüro während der Projektphasen einzurichten. Überhaupt klärt sich vieles, wenn man sich mit anderen, die mit der Thematik vertraut sind, darüber austauscht."
  • „Ich möchte mich ganz herzlich für die interessanten Tage in Bielefeld bedanken! Für uns waren die Gespräche mit Herrn Emer sehr anregend, weil wir einige praktische Tipps für die Organisation von Projekten kennengelernt haben, die wir in abgewandelter Form sicherlich in unsere Projektarbeit in der Klosterschule einfließen lassen werden.“
  • „Die Liste zur Projektkultur haben alle von uns als sehr hilfreich empfunden, da sie zeigt, wo man steht. Wir haben gemerkt, dass wir doch weiter sind, als wir dachten.“
  • „Euer Forschungsvorhaben ist nützlich, weil es "Normalschulen" in den Blick nimmt und damit eine komplexe Situation unter dem Gesichtspunkt `Entwicklungsstand der Projektarbeit´ genauer beleuchtet als bisher üblich.“

Aufgrund dieser positiven Rückmeldungen und der Tatsache, dass sich mittlerweile einige der interviewten Schulen mit der Bitte um Rückmeldungsgespräche und Hilfestellung bei der weiteren Schulentwicklung gemeldet haben, sind wir optimistisch, dass es der Projektunterricht schafft, trotz Reformen und Zentralisierungen im Blickfeld der Schulen zu bleiben bzw. wieder stärker in dieses zu kommen.

Felix Rengstorf, Christine Schumacher