Entwicklung einer Projektkultur in der Schule - Begriffsbestimmung und Kriterienliste

Die Materialien basieren auf den Ergebnissen einer Forschungsgruppe des Oberstufen-Kollegs an der Universität Bielefeld (2006-2008)

Projektleitung: Felix Rengstorf / felix-rengstorf@gmx.de)


Zum Begriff „Projektkultur“

Projektkultur ist in der pädagogischen Wissenschaft und in der didaktischen Praxis ein recht neuer Begriff. Er weist darauf hin, dass es um die Ausformung des konkret durchgeführten Projektunterrichts geht, aber auch um Einstellungen und Ideen und um die materiell-organisatorische Basis. Projektkultur meint die umfassenden Rahmenbedingungen, die Einbettung der konkreten unterrichtlichen Arbeit und als Kultur auch die Weitergabe von Strukturen an wechselnde Akteure, also die Absicherung gegen zufällige Veränderungen.

Die theoretischen Aufarbeitungen der Projektidee im universitären Bereich, wie etwa die grundlegenden Untersuchungen von Frey (2005), Duncker/Götz (1988),  Bastian/Gudjons (1997/1994/1993) und Hänsel (1997/1994/1988), verwenden den Begriff „Projektkultur“ und ihre Konstituenten nicht, weil ihr Focus stärker auf historischen, pädagogischen und schulsystematischen Perspektiven liegt und sie weniger die Umsetzung und Organisation im Auge haben. Gleichwohl legen sie für die Bestimmung einer Projektkultur wichtige Grundlagen: durch die Herausarbeitung des Projektbegriffs und seiner Merkmale, der Bestimmung des Bildungswertes sowie der Besonderheiten und Lernmöglichkeiten dieser Unterrichtsform für die Schule.

Die entscheidenden Impulse zur Bestimmung einer Projektkultur kamen demgegenüber aus der Reflexion von Praktikern, die sich mit der Stellung und Organisation des Projektunterrichts in der Schule befassten, weil sie mit der Realisierbarkeit, Umsetzung und Einbettung von Projekten konfrontiert waren und sind. Erste Ansätze dazu finden sich bei Heller/Semmerling (1983), bei Emer/Horst/Ohly mit der Reflexion der Organisation von Projektunterricht (1994², S. 36ff.). Systematischer wird die Organisationsfrage bei Emer/Lenzen aufgegriffen (2005², S. 92ff). Auch Apel/Knoll (2001, S. 166ff.) haben sich mit der „Organisation des Projektlernens“ beschäftigt, ohne allerdings den Begriff der Projektkultur und ihrer Entwicklung zu verwenden.

Erst im Rahmen der Lehrerfortbildung des BLK-Programms „Demokratie lernen und leben“ hat Wolfgang Steiner im März 2005 versucht, im Kontext einer Materialsammlung für die Teilnehmer am Modul Projektdidaktik „Merkmale und Institutionen einer entwickelten Projektkultur“, wenn auch noch unsystematisch, aufzulisten (Emer/Steiner 2005). Im Rahmen des Lehrer-Forschungskonzepts des Oberstufen-Kollegs hat eine Forschungsgruppe vor einem Jahr eine qualitative Untersuchung zur Projektkultur an ausgewählten Schulen in NRW begonnen. In diesem Rahmen ist in einem systematischen Verfahren versucht worden, eine Merkmalsliste für eine entwickelte Projektkultur an Schulen aufzustellen.




Merkmalsliste für eine entwickelte Projektkultur

In Anlehnung an das „Drei-Wege-Modell der Schulentwicklung“ von Hans-Günter Rolff  (Rolff 2002, S.11) lassen sich die Kriterien einer Projektkultur in drei Bereiche gliedern:



Entwicklung von Projektkultur an einer Schule in Anlehnung an das „Drei-Wege-Modell der Schulentwicklung“ von Hans-Günter Rolff




Idealtypische Merkmale einer entwickelten Projektkultur an Schulen


1. Im Bereich Personal:

  • feste Ansprechpartner für Organisation / Nachfragen / Hilfestellungen (z.B. eine AG Projekt)
  • gezielte Kooperation mit außerschulischen Öffentlichkeiten für Erarbeitung und Präsentation (z.B. mit Institutionen: biologische Stationen)
  • regelmäßige schulinterne Fortbildungen zum Thema Projektarbeit (z.B. vor Beginn einer Projektphase für neue Kolleginnen und Kollegen einer Schule)

2. Im Bereich Organisation:

Übergreifend:

  • nachdrückliche Anerkennung der Projektarbeit als eigenständige Unterrichtsform (z.B. durch ausgewiesene Unterrichtszeiten für Projektarbeit)
  • offizielle Verankerung und Einbindung von Projektarbeitsformen (z.B. im Schulprogramm)
  • einplanbare Projektmittel (z.B. durch Förderverein, für Materialauslagen, Medien)
  • sichtbare Unterstützung durch die Schulleitung (z.B. Präsenz am Produkttag)

Zu einzelnen Phasen von Projektarbeit (Planung, Durchführung, Präsentation, Auswertung):

  • anerkanntes Ausschuss- und Auswahlverfahren für Entscheidungen über das Projektangebot (z.B. eine AG Projekt führt Projekt-Hearings durch)
  • ständiges Kommunikationsforum für organisatorische Abläufe (z.B. Wandtafel für Projektskizzen nach denen Schüler und Schülerinnen Projekte wählen können)
  • konkrete Mitbestimmungsmöglichkeiten der Schüler und Schülerinnen auf den verschiedenen Ebenen der Projektarbeit (z.B. Möglichkeit für Schüler und Schülerinnen Projekte zu initiieren oder zu leiten)
  • zeitweise besetztes „Projektbüro“ während der Projektphase (z.B. für Hilfen für Schüler und Schülerinnen sowie Lehrer und Lehrerinnen bei Raumfragen oder Materialausgabe)
  • besonders gestaltete Präsentationstage zur Projektarbeit (z.B. als „Produkttag“ fest verankert im Schuljahr am Ende einer Projektphase)
  • dauerhafte Präsentationsforen für Projektprodukte (z.B. Vitrinen oder Internet)

3. Im Bereich Unterricht:

Übergreifend:

  • gemeinsame Vereinbarungen im Kollegium über den Stellenwert des Projektunterrichts und verbindliche Qualitätskriterien von Projektarbeit (z.B. durch Kriterienliste für Besonderheiten der Lernkultur in der Projektarbeit)
  • eine kontinuierliche Progression im Rahmen des Projektlernens (z.B. Unterscheidung von Anfänger- und Fortgeschrittenenprojekten mit unterschiedlichem Grad an selbstverantwortlichem Anteil der Schüler und Schülerinnen)
  • vielfältige Projektorientierung (z.B. projektorientierte Arbeitsformen in Kursen neben eigenständigen Projektwochen)

Zu einzelnen Phasen von Projektarbeit (Planung, Durchführung, Präsentation, Auswertung):

  • fest verankerte Einführung der Schüler und Schülerinnen in die Besonderheit der Projektarbeit (z.B. durch Klärung der Kriterien von Projektarbeit)
  • ein besonderes Verfahren zur Bewertung von Projektlernen (z.B. Einsatz standardisierter Bewertungsbögen)
  • fest installierte Formen der Nachbereitung (z.B. Auswertung von Projektarbeit in der Fachkonferenz, Lehrerkonferenz, Schulzeitung)


siehe auch: http://www.uni-bielefeld.de/OSK/NEOS_WissEinrichtung/Projekte/proj12.html