"Projekt" - Ein Begriff in der Entwicklung

Entwurf: Wolfgang Emer

1. Ausgangspunkt

Auf seiner konstituierenden Sitzung am 20.11.97 in Hamburg haben die Mitglieder des Vereins eine Klärung des Projektbegriffs für notwendig erachtet, um der Inflation des Begriffs eine Position entgegenzusetzen. 

2. Historische Dimension

Unser vorrangiger historischer Bezug geht von John Dewey aus. Nach Dewey hat ein Projekt als Ausgangspunkt ein Problem, das es aus einer Situation der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Welt gewinnt und mit Zielgerichtetheit, Planmäßigkeit und Handlungsbezug einer Lösung zuführt. Kilpatrick hat dies auf folgende Formel gebracht: ein Projekt ist ein "planvolles Handeln aus ganzem Herzen, das in einer sozialen Umgebung stattfindet" oder gekürzt "herzhafte, planvolle Handlung" mit den vier Phasen Zielsetzung, Planung, Ausführung und Beurteilung.

Dieser Ansatz ist nach der Reformpädagogik zu Beginn des Jahrhunderts am deutlichsten seit Mitte der 70er Jahre von Bastian, Duncker, Gudjons, Hänsel und Suin de Boutemard aufgegriffen worden. An dieser historischen Linie orientiert sich der Verein.

3. Aktuelle und zukünftige Dimension
Die Bedeutung der Projektarbeit nimmt gegenwärtig rapide zu, weil die Modernisierung in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft (Non-Profit-Organisationen, öffentliche Verwaltung und Wirtschaft) in einem hohen Maße projektmäßig organisiert ist. Langfristig - so weitreichende Schätzungen - sollen bis zu 50% der Arbeit in unserer Gesellschaft in Projekten geleistet werden. Schule soll im Rahmen ihres Allgemeinbildungsauftrags sinnvoll auf diese Entwicklung vorbereiten und dabei die Wertorientierung auch in dieser modernen Arbeitsmethode intensiv mit reflektieren. Dazu gehört das Ziel in einer nicht (vorher) bestimmbaren Zukunft ein "wertvolles Leben" (Dewey) zu führen, weil Kompetenzen erworben werden sich souverän und nützlich beteiligen zu können bei anstehenden Problembearbeitungen. Projektarbeit könnte so zu einem Hebel der inneren Schulreform werden.

4. Begriffsklärung
Ein Projekt geht wesentlich aus von einem Problem und zielt auf ein Produkt mit einem Mitteilungs- und Gebrauchswert. Darin steckt ein Handlungsbegriff, der Handeln nicht als bloßes praktisches Lernen und Tun, sondern als reflektierendes unveränderndes Eingreifen in die soziale Wirklichkeit begreift. Durch die im Projekt besonders notwendige und geförderte Dimension des selbst- und mitbestimmten Handelns als gleichzeitige Einübung in demokratisches Handeln ist die Form des Projektunterrichts selbst schon politisch, gleichwohl verstärkt eine Orientierung der Projektthemen an Schlüsselproblemen politisches Lernen im Projekt.

Konkretisierung des Projektbegriffs durch Projektkriterien

Für die praktische Umsetzung des Begriffs in die Arbeit mit Projekten empfiehlt sich zu ihrer Bestimmung die Orientierung an sieben Kriterien, die die Dimensionen des o.g. Begriffs enthalten.

Es gibt zwei Ausgangspunkte für das Projekt:




  1. Gesellschaftsbezug: Das Projekt soll an reale, möglichst relevante gesellschaftliche Probleme und Bedürfnisse anknüpfen.

  2. Lebenspraxisbezug: Das Projekt soll an den lebensweltlichen Interessen der Schüler orientiert sein, sie nicht jedoch einfach kopieren, sondern in einer reflektierenden, verfremdenden Form aufgreifen.

Drei Arbeitsformen sind für den Projektunterricht konstitutiv:

  1. Selbstbestimmtes Lernen: Mitbestimmung bei der Planung und Durchführung des Projekts sind notwendig. Lehrer- und Schülerrollen verändern sich, die Projektgruppe wird entscheidend für den Lernprozess.

  2. Ganzheitliches Lernen: Die Kopfarbeit soll durch Herz und Hand ergänzt werden. Kreatives, rezeptives, entdeckendes und produktives Handeln sind zu verbinden.

  3. Fächerübergreifendes Arbeiten: Das Projekt soll Probleme, Methoden und Inhalte verschiedener Fächer integrieren.
Zwei Zielhorizonte sind für den Projektunterricht relevant:

  1. Produktorientierung: oft wird im Unterricht für die Note oder das Zertifikat gearbeitet, die Produktorientierung kann dies aufheben. Dies gelingt insbesondere dann, wenn das Produkt einen "Mitteilungs- und Gebrauchswert" (Duncker) für andere außerhalb der Projektgruppe gewinnt

  2. Kommunikabilität: Zu einem Projekt gehört die Vermittlung nach außen im Rahmen der Schulöffentlichkeit oder noch effektiver im rahmen der außerschulischen Öffentlichkeit. Durch die Kommunikation mit spezifischen Öffentlichkeiten in der Umwelt gewinnt das Projekt größeren Ernstcharakter.